WR / WAZ vom 27. März 2007

Arbeiterin büffelte sich zur Ärztin hoch

Starke Frauen seit drei Generationen: Großmutter Charlotte Hansmann (oben links), Tochter Charlotte Raben (l.) und Enkelin Kirsten Weiß, die sich auch noch gut an ihren Großvater Wilhelm Hansmann erinnern kann. (Bilder: sam/Montage: bra)

Starke Frauen seit drei Generationen: Großmutter Charlotte Hansmann (oben links), Tochter Charlotte Raben (l.) und Enkelin Kirsten Weiß, die sich auch noch gut an ihren Großvater Wilhelm Hansmann erinnern kann. (Bilder: sam/Montage: bra)

Lücklemberg. Hinter einem starken Mann steht oft eine noch stärkere Frau. Wie bei Wilhelm Hansmann, Dortmunds erstem Oberbürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine Tocher Charlotte Raben, die am Donerstag für 60-jährige Mitgliedschaft bei der SPD-Lücklemberg geehrt wird, erinnert sich an ihre Mutter als eine mutige Frau.

Charlotte Hansmann, geborene Steinkopf, schaffte es, sich von der Arbeiterin in einer Papierfabrik zur Ärztin hochzuarbeiten. Im Berlin der 20-er Jahre büffelte die ehrgeizige junge Frau nach der Arbeit fürs Abitur, studierte anschließend Medizin und bewarb sich nach dem Abschluss als Kreiskommunalärztin in Dortmund.

Nazis misshandelten Landrat bis zur Bewusstlosigkeit

Dort lernte sie dann ihren späteren Mann kennen, der die couragierte Berlinerin gleich in sein Herz geschlossen hatte. 1923 gaben sich der Landrat und das Fräulein Doktor das Jawort. Tochter Charlotte, die heute in Lücklemberg wohnt, wurde 1925 geboren. Es folgten drei weitere Geschwister.

Flammende Reden gegen die Nationalsozialisten brachten den ehemaligen Landrat des Kreises Hörde und überzeugten Sozialdemokraten schon 1933 in Lebensgefahr. "Die Nazis holten ihn ab und misshandelten ihn furchtbar. Als sie dachten, mein Vater wäre tot, legten sie ihn auf die Eisenbahnschienen in Aplerbeck. Die waren so kalt, das er das Bewusstsein wieder erlangte und Hilfe rufen konnte", erzählt die 82-Jährige.

Die Mutter handelte sofort, sie zwang den Vater, mit der Familie nach Saarbrücken zu ziehen. Hansmann versteckte sich auf der französischen Seite der Stadt. Als 1942 der Krieg ausbrach, flüchtete der SPD-Politiker in die Schweiz, seine Frau und die vier Kinder machten sich auf einen langen und mühsamen Weg nach Berlin. Schon in Saarbrücken und dann auch in ihrer Geburtsstadt arbeitete die Mutter als Ärztin. "Sie hatte eine große Praxis und kaum Zeit für uns", sagt die Tochter. Als der Vater nach dem Krieg aus der Schweiz nach Dortmund kam, holte er die Familie nach.

Klein und zierlich, aber mit Bärenkräften, so beschreibt Charlotte Raben die Frau des Mannes, der erst Oberbrügermeister und dann Oberstadtdirektor in Dortmund war.

Charlotte Raben erinnert sich an ihn als großen, stattlichen Mann, fleißig, gradlinig, autoritär, aber mit einem weichen Herz. "Als er auf dem Markt einen Vater von vier Kindern traf, dessen Ziege gerade gestorben war, hat er ihm spontan eine neue gekauft". Dafür fehlte in der Haushaltskasse dann das Geld für die Studiengebühren der Kinder, dass sich der Vater bei seiner Schwester leihen musste. "Geld hat der Vati nie gehabt, er hat immer alles bei seiner Frau abgeliefert. Und wenn er etwas brauchte, pumpte er seinen Chauffeur an". Fahrer Fürstenberg und der dicke Mercedes ("in einen kleineren Wagen hätte mein Vater wegen seiner Größe gar nicht hineingepasst") standen ihm auch nach der Pensionierung zur Verfügung. Hansmann, der in zahlreichen Ausschüssen zu finden war, arbeitete bis kurz vor seinem Tod. Zwei Tage vor seinem 77. Geburtstag starb er an einem Herzinfarkt. Seine Frau, der es gesundheitlich schon viel länger schlecht ging, folgte ihm nach nur fünf Wochen.

Charlotte Raben, ehemalige Biologie-Lehrerin und Mutter von zwei Kindern, hat ihre Erinnerungen in drei Heften aufgeschrieben. Doch es fällt ihr immer noch etwas ein. Sollte das irgendwann nicht mehr der Fall sein, wird diese ganz private Chronik im Stadtarchiv zu finden sein. "Da wartet man schon sehnsüchtig drauf".

26.03.2007   Von Susanne Meyer

Ehrenbürger der Stadt (sam)

BIOGRAFIE

·  Wilhelm Hansmann (*29. Oktober 1886 in Eichlinghofen, #2#27 27. Oktober 1963 in Dortmund) war gelernter Gärtner.
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  Er fungierte von 1919 bis 1928 als Landrat des Landkreises Hörde, von 1929 bis 1932 des Ennepe-Ruhr-Kreises.
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  1933 emigrierte er über das Saargebiet nach Frankreich und 1942 in die Schweiz.
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  1945 kam er in den Rat der Stadt Dortmund, wurde 1946 zum Oberbürgermeister gewählt und war von 1946 bis 1954 Oberstadtdirektor.
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  Der SPD-Politiker wirkte in vielen örtlichen und überörtlichen Gremien mit, in Ratsausschüssen und im Landschaftsverband. Daneben war er Aufsichtsratsvorsitzender, u.a. bei VEW und Coop.
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  Die Stadt verlieh ihm für seine Verdienste die erste Ehrenbürgerschaft nach 1945 im Dezember 1956.
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  Zur Erinnerung an sein engagiertes Wirken wurde ein Seniorenheim nach ihm benannt.

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